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Neue Zürcher Zeitung NZZ hat Mühe mit dem Klimawandel

Die NZZ profiliert sich negativ mit Beiträgen, die den Klimawandel verharmlosen oder sogar leugnen.

Im Dossier Klimawandel der Rubrik Wissenschaft wechseln sich faktennahe und verzerrende Artikel der NZZ ab. Innerhalb der Redaktion gibt es zweifellos ausreichend fundiertes Wissen über Klimawandel. Verharmlosung und subtile bis offenkundige Leugnung ziehen sich dennoch fast wie ein roter Faden durch das Dossier.

Verzerrung und Verharmlosung erfolgen primär unterschwellig, etwa durch die Wahl des Themas, die Titelsetzung, oder durch gestellte, bzw. unterlassene Fragen oder die Auswahl der befragten Personen. Besonders in Kommentaren und Fremdbeiträgen verzichtet die NZZ jedoch immer wieder auf Subtilität.

Einen besonderen Fehltritt hat sich die Zeitung kürzlich geleistet. In einem Gastkommentar über Trumps Bemühungen, den Begriff Klimawandel abzuschaffen, verteidigt Sonja Margolina Trump und bezeichnet den Klimawandel als «ideologisches Konstrukt».

Der Klimaforscher Stefan Rahmstorf, Träger des Climate Communication Prize der American Geophysical Union, kommentierte den Gastbeitrag in der NZZ (auf Facebook) so:

« Faktenfreier Artikel — lauter abwegige Behauptungen ohne den geringsten Beleg. Dass es einen wissenschaftlichen Konsens gibt, einfach weil die Belege erdrückend sind, darauf ist die Autorin wohl nicht gekommen. Wo sind denn die wissenschaftlichen Ergebnisse, die angeblich die Bedeutung von CO2 infrage stellen? Wie kommt es, dass ich davon nichts weiß, obwohl seit 25 Jahren in der Klimaforschung tätig? » (Stefan Rahmstorf)

«Die führende Schweizer Qualitäts-Tageszeitung von Weltruf» (NZZ) wollte sich mit dem Gastkommentar vielleicht selbst überbieten. Und die Latte lag hoch.

Einen bemerkenswerten früheren Höhepunkt, bzw. Tiefpunkt, erreichte die Unterstützung der Leugnung des durch Menschen verursachten Klimawandels durch die NZZ 2012, als sie das Buch «Die kalte Sonne» von Fritz Vahrenholt durch Christian Speicher besprechen liess. Dem im Fall der Klimadebatte zweifelhaften weil unangemessenen Ausgewogenheitsstandard folgend, fragte der Journalist zwar bei echten Klimaforschern nach. Dafür gab der Journalist auch gleich noch einem weiteren (moderaten) Skeptiker, Hans von Storch, ein Forum.

John Oliver über angeblich ausgewogene Berichterstattung in einer Debatte, die es gar nicht geben sollte. (Link)

Die Neue Zürcher Zeitung und von Storch funktionieren auffällig gut zusammen. Die Eingabe beider Namen in Suchmaschinen liefert viele Resultate. Von Storch gibt sich moderat, tut primär seine Meinung kund, und fühlt sich allenfalls als Skeptiker, nicht als Leugner — vermutlich wie die Redaktion der NZZ. Mit seiner Kritik an der Klimaforschung bewegt er sich aber im Grenzbereich zwischen Skeptizismus und Leugnung.

Im Gastkommentar von Sonja Margolina hat die Redaktion eine ganze Reihe ihrer Klimatiefschläge der Vergangenheit verlinkt.

Tausende von Wissenschaftlern haben gearbeitet, gemessen, erwogen, diskutiert und bestätigt. Ursache und Wirkung sind physikalisch unzweifelhaft verbunden. Modelle und Messungen stimmen auch quantitativ überein. Alle anderen denkbaren Ursachen wurden ausgeschlossen. Diverse spezifische Feststellungen, sogenannte Fingerprints, entlarven darüber hinaus den Täter Treibhausgase eindeutig. All dies ist beim Klimawandel der Fall. Das grösste internationale Forschergremium aller Zeiten fasst in umfangreichen Metastudien den Stand des Wissens periodisch zusammen und stellt das Ergebnis gratis und allgemeinverständlich zur Verfügung. Es ist ein seltener Fall grenzenloser Zusammenarbeit. Kein Wunder herrscht unter echten Klimaforschern über Klimawandel schiere Einhelligkeit — grundsätzlich seit der physikalischen Erklärung des Treibhauseffekts vor etwa 150 Jahren. Die Beobachtung ist kein Phänomen, sondern ein verstandener Fakt.

Eine Manufaktur von Zweifeln konnte bewirken, dass der Klimawandel in der Öffentlichkeit in Frage gestellt wird. Die NZZ ist leider Teil dieser Manufaktur.

In der aufkommenden Debatte über Fake News in der Ära Trump schrieb die NZZ unter «Der Glaube an die Wissenschaft» über «Wahrheit und Lüge»:

« […] Zugleich waren wir überzeugt, dass alles haargenau stimmt, was Fachleute von sich geben, zumindest jene, die vor der Klimakatastrophe warnen und die Zukunft in apokalyptischen Bildern malen. Nie wären wir auf die Idee gekommen, dass sie Schauermärchen erzählen und zu einer ideologischen Vorhut gehören, die der Kohleindustrie den Garaus machen und dem gesamten Kapitalismus an den Karren will. » (NZZ)

Die Zeitung betreibt ihre Falschmeinungsmache zum Klimawandel gerne durch Forumsbeiträge, Kommentarspalten und Interviews.

Zum Beispiel erschien gestern (3.9.2017) in der Rubrik «Wissen» (nicht «Wirtschaft») der Sonntagsausgabe ein Interview mit dem Geschäftsführer der World Coal Associacion. Zwar fragte der Interviewer kritisch und machte zum Teil zu Aussagen des obersten Kohlelobbyisten auch Einwände.

Dennoch wurden so in der NZZ Aussagen platziert, wie zum Beispiel, Kohle sei ein «lebenswichtiger Rohstoff für die Welt» oder in Südostasien würde sich die Stromerzeugung aus der Kohle bis 2040 verdreifachen.

Vorhersagen, welche die Zukunft betreffen, seien besonders schwierig, heisst es. Leider sind Lügen, welche die Zukunft betreffen, besonders einfach zu platzieren, in der Politik und auch in der NZZ.

Nur eine Manufaktur von Zweifeln konnte bewirken, dass der Klimawandel in der Öffentlichkeit in Frage gestellt wird. Die NZZ ist leider Teil dieser Manufaktur.

Die Wahrheitsverzerrung betreffend Klimawandel durch die NZZ kann mittels (Gast-)Kommentaren oder Interviews unter dem Deckmantel der Meinungsfreiheit und -vielfalt stattfinden. So wirkt ihre Klimaberichterstattung für Laien offen, distanziert und differenziert.

Was die NZZ, wenn es um subjektive Werte geht, anderswo als Mangel erkennt — wenn nicht als Unzulässigkeit —, toleriert sie bei sich selbst grosszügig, sogar, wenn es um wissenschaftlich erhärtete Fakten geht.

NZZ Methode wie Breitbart?

In einem Artikel der jüngsten Sonntagsausgabe der NZZ stellt der Journalist zuerst fest, Breitbart Media publiziere auch «konventionelle Medientexte», kritisierte aber die Art, wie Breitbart dennoch Meinungsmache betreibt: «Alles halb so schlimm in Steve Bannons publizistischer Kriegsmaschinerie? Nein, es tun sich Abgründe auf — und zwar in den Kommentarspalten. Unter dem Schutzmantel der Meinungsfreiheit hat hier der Hass auf Eliten, Farbige, Transgender oder Muslime freien Lauf.»

In den Kommentarspalten, unter dem Schutzmantel der Meinungsfreiheit, hat das Leugnen des Fakts Klimawandel in der NZZ freien Lauf. Da tun sich Abgründe auf.

Nachtrag, Klarstellung

Oliver Fuchs, Leiter Social Media der NZZ hat per e-mail darauf hingewiesen, dass der letzte Abschnitt («NZZ Methode wie Breitbart?») missverstanden werden kann. Im Gegensatz zu meinem Verständnis meinte der Journalist (Chanchal Biswas), der über Breitbart schrieb, mit dem Begriff «Kommentarspalten» nicht Artikel, die als Meinungen zwar redaktionell abgenommen, aber von Sachbeiträgen abgegrenzt sind, sondern Online-Leserkommentare. Breitbart lässt Leserkommentare zu. Die NZZ lässt keine Online-Leserkommentare zu und führt zum Klimawandel auch keine spezifische Leserdebatte. Ein besserer, weil unmissverständlicherer letzter Absatz wäre darum:

In den Gastartikel, Interviews, Meinungsbeiträgen und Rezensionen hat unter dem Schutzmantel der Meinungsfreiheit, das Leugnen des Fakts Klimawandel in der NZZ freien Lauf. Da tun sich Abgründe auf. Schon lange. Immer noch.

Hass und Rassismus verbreiten zu lassen — und dazu anzustiften — und den Fakt Klimawandel in Frage zu stellen oder zu leugnen, ist nicht dasselbe. Und Leserkommentare sind nicht dasselbe, wie Meinungen, die unter redaktioneller Aufsicht publiziert werden —eben nicht! In beiden beschriebenen Fällen aber wird das Recht auf freie Meinungsäusserung als Deckmantel verwendet und missbraucht.

Wo sie es in Onlinekommentaren tun können, leugnen Unterinformierte, Fehlgeleitete und Verschwörungstheoretiker den Klimawandel, dass es an Epidemien erinnert. Die NZZ sollte sich überlegen, ob sie als angesehenes Medium nicht dazu anstiftet.


Quellen

Stefan  Rahmstorf. Wie wäre es mit Sachargumenten? Handelsblatt, 14.2.2009. (Online)

Sonja Margolina. Deutungshoheit der Erwärmungstheoretiker. Die ideologischen Seiten des Klimawandels. NZZ. Gastkommentar, 1.9.2017. (Online)

Christian Speicher. Solare Kühlung für das irdische Treibhaus? NZZ. 15.2.2012. (Online)

Bernhard Pötter (Interview). «Wir erwarten ein Wachstum bei Kohle». NZZ am Sonntag, 3.9.2017 (Print, S. 50)

Karl-Heinz Ott. Wahrheit und Lüge. Die schöne postmoderne Beliebigkeit hat den Härtetest nicht bestanden. NZZ, 19.4.2017 (Online)

Chanchal Biswas. «Breitbart» zu lesen, lohnt sich. NZZ am Sonntag, 3.9.2017. (Print, S. 14)

Stefan Rahmstorf. Kommentar auf Facebook. Screenshot. (Link)

Für einige weitere Quellen vgl. Hyperlinks, besonders im zweiten Absatz nach dem Lead.

Titelbild

boldomatic.com. Das Zitat der NZZ vom 22.11.2014, «Zeit, sich den Fakten zu stellen, ist faktisch jederzeit», betrifft einen Artikel über die Entwicklung der Pflegekosten.